In der "Nacht der Lyrik" am 24/25. August las
Ingo Kieslich (Email: [- Emailadresse aus Spamschutz am 1.3.2010 gelöscht -])
zwei seiner Kurzgeschichten, die hier zum Nachlesen abgdruckt sind. Alle Rechte liegen weiterhin bei Ingo Kieslich. Die beiden Geschichten heißen:
Der Eingang
Kriegsstrahlen
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Der Eingang (von Ingo Kieslich)
Ich mache mich also auf den Weg zum Eingang. - Eigentlich ist er schon erreicht. Doch muss ich mich überwinden, weiterzugehen; also erst auf den Weg machen.
Wenn ich behutsam einen Blick wage, sehe ich elegant gewachsene Männer mit hoher Stirn, und die Augen liegen im Dunkeln verborgen. In ihrem Lachen, dieses ernste Lachen über einen gelungenen Coup, hallen die Schädelstätten der Jahrhunderte mit. - So erfahren in ihren nachlässigen Gebärden stehen sie beisammen und deuten beiläufig auf einen mächtigen alten Pottwal, der sich in seiner ganzen Länge und Masse grimmig vor dem Eingang niedergelassen hat.
Er muss schon alt sein, ein biblisches Alter. Ich glaube, er hat sich überfressen, nun muss er hier vertrocknen. Müde hängt die Haut an seinem Leib herab wie das Kleid einer verarmten Bettlerin; vom Treibgut der Ozeane überladen. Seetang, Algenwuchs verfängt sich im Seilwerk, das sich um ihn wickelt, Harpunen stecken in seinem buckligen Rücken - Zeugnisse von überstandenen Kämpfen mit wahnsinnigen Kapitänen.
Sofort und enthusiastisch entwickelt sich, bald aber schon ängstlicher und versteckt, der Plan, zum Jäger zu werden. Bis ich es sein lasse. - Mit herausfordernder Mine hätte ich den Männern entgegentreten können, um daraufhin mit bloßen Händen den Wal zu Beute zu machen.
Das Tier schaut mich mit wissenden Augen an. Sein mächtiger Kiefer, das schiefe Maul, spricht zu mir mit einer Stimme, die aus einer tiefen Höhle kommt: "Du hättest nicht herkommen sollen. Du kannst kein Jäger sein. Sieh diese Männer um mich, das sind Jäger. Gefährlich mit ihren sezierenden Gesten jagen sie mir Angst ein, machen mich schon jetzt zu wehrloser Beute, ihr Platz ist gesichert. Dich aber werde ich fortschlagen."
- Ein leichter Schlag der Schwanzflosse hat mich aus der Reichweite des Eingangs gefegt. Ich mache mich also wieder auf den Weg zum Eingang.
* * *
Kriegsstrahlen (von Ingo Kieslich)
Tumb, ein zerfetzter Offizier aus bekannten Kriegen. Gestern
schickten sie ihn ein weiteres mal, um in Erfahrung zu bringen wie es in der
Welt stünde und ob nicht einmal wieder ein Krieg einzurichten wäre. Es war in
tiefer Nacht, dieses Klopfen war anders. In der Nacht war das Klopfen, Klopfen
begleitet mit der Kälte von hundertfachem Tod.
"Es klopft an deiner Tür," unterbrach da die Nemesis mich.
Schwer war ich in einen Traum geraten. In tiefen Bergen, Schluchten, sanft
strich mein warmes Blut entlang und ließ mich träumen. Und die Nemesis, sie
gibt und sie nimmt und war in meinem Traum Besucherin, nicht ungebeten, wir
tuschelten so häufig miteinander. Viel um schicksalsträchtiger Dinge etwa; die
Wege der Menschen waren uns ein offenes Buch. Wir amüsierten uns. Sie war sich sicher, da klopfte es an der Tür. Die Nemesis
war ungehalten.
"Du empfängst zu so später Stunde Besuch?"
Jetzt musste
auch ich trotz aller Beschwichtigungsversuche meinerseits zugeben, - es klopfte.
Das war nicht das Pochen des Blutmuskels, das elektrische Schlagen immer dumpf
gegenwärtig als Traummelodie. Es war, als versuchte man mit Äxten die Tür
einzuschlagen. Oder meinen Schädel. Kanonen. Dieses Klopfen war anders. Die
Nemesis blickte traurig zum Abschied und schwang sich auf ihre Kugel.
"Du musst jetzt deine Augen öffnen und tapfer sein. Es klopft an deiner
Tür," sagte sie wie von fern her und verschwand.
Ich blickte auf und sah in einen laufenden Fernseher, der den Lärm der Kriege in alle Haushalte strahlte.
--- Originale Setzung ---
Tumb, ein zerfetzter Offizier aus bekannten Kriegen. Gestern schickten sie ihn ein weiteres mal, um in Erfahrung zu bringen wie es in der Welt stünde und ob nicht einmal wieder ein Krieg einzurichten wäre. Es war in tiefer Nacht, dieses Klopfen war anders. In der Nacht war das Klopfen, Klopfen begleitet mit der Kälte von hundertfachem Tod. "Es klopft an deiner Tür," unterbrach da die Nemesis mich. Schwer war ich in einen Traum geraten. In tiefen Bergen, Schluchten, sanft strich mein warmes Blut entlang und ließ mich träumen. Und die Nemesis, sie gibt und sie nimmt und war in meinem Traum Besucherin, nicht ungebeten, wir tuschelten so häufig miteinander. Viel um schicksalsträchtiger Dinge etwa; die Wege der Menschen waren uns ein offenes Buch. Wir amüsierten uns. Sie war sich sicher, da klopfte es an der Tür. Die Nemesis war ungehalten. "Du empfängst zu so später Stunde Besuch?" Jetzt musste auch ich trotz aller Beschwichtigungsversuche meinerseits zugeben, - es klopfte. Das war nicht das Pochen des Blutmuskels, das elektrische Schlagen immer dumpf gegenwärtig als Traummelodie. Es war, als versuchte man mit Äxten die Tür einzuschlagen. Oder meinen Schädel. Kanonen. Dieses Klopfen war anders. Die Nemesis blickte traurig zum Abschied und schwang sich auf ihre Kugel. "Du musst jetzt deine Augen öffnen und tapfer sein. Es klopft an deiner Tür," sagte sie wie von fern her und verschwand.
Ich blickte auf und sah in einen laufenden Fernseher, der den Lärm der Kriege in alle Haushalte strahlte.
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Geschichten von Ingo Kieslich:
Der Eingang
Kriegsstrahlen
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